Meltem hat die Lehre in meiner Praxis absolviert, meistens mit meinem Assistenzzahnarzt am Stuhl gearbeitet und wir haben sie aufgrund einer Vakanz nach der Lehre als ausgelernte Dentalassistentin behalten. Während sie die Lehrzeit - sozusagen als Nesthäkchen - sehr geschützt und umsorgt absolvieren konnte, war sie nun plötzlich in einer anderen Position. Meltem war nicht mehr Nesthäkchen sondern eine fertig ausgebildete Dentalassistentin, welche sie neue Auszubildende - das neuen Nesthäkchen – in die Arbeit einer Dentalassistentin einführen musste.

Gleichzeitig hat Meltem direkt nach der Lehre geheiratet. Ihr Ehemann kam frisch aus der Türkei in die Schweiz, sprach kein Wort Deutsch und sie hatte plötzlich die volle Verantwortung für die Integration des Ehemanns und den Haushalt. Meltem verlor ihre ursprüngliche Fröhlichkeit, nahm im ersten Jahr über 10 Kilo zu und wurde sehr dünnhäutig. Als Chef habe ich dies natürlich mehrmals persönlich und unter vier Augen mit ihr angesprochen. Mit wässrigen Augen hat sie mir jedoch immer geantwortet, es sei alles in Ordnung und es gehe ihr gut.

Da meine Chairside Dentalassistentin nach einem Unfall längere Zeit ausfiel, war Meltem plötzlich regelmässig als Assistenz bei mir am Stuhl. Sie war unkonzentriert, vergass viele Dinge bei der Vorbereitung, musste deshalb immer wieder das Behandlungszimmer verlassen, herumrennen und vergessenes Material oder Instrumente holen.

Ich bin es gewohnt mit jeder meiner Chairside-Dentalassistentin jeden Tag nach dem letzten Patienten eine kurzes Debriefing zu machen. Ich nenne dann einen oder zwei positive Punkte und spreche auch Dinge an, die ich anders haben will. Manchmal sage ich auch nur ein herzliches „Danke, du hast heute einen Super-Job gemacht. Ich arbeite gerne mit dir zusammen.“

Diese Debriefings fielen bei Meltem natürlich weniger positiv, wie bei ihren Kolleginnen aus. Und es dauerte nicht lange, da stand der Begriff „Mobbing“ im Raum. Meltem fühlte sich gemobbt. Schliesslich hat man sie während der Lehrzeit nie so korrigiert wie jetzt und ich als Chef hatte eh meine „Lieblinge“ welche ich immer über den Klee lobe und sie einfach nicht mag und sie jetzt kaputt mache.

Alle Gespräche haben nichts gebracht...! Meltem hat einige Monate später tief enttäuscht gekündigt und eine Zweitausbildung angefangen. Ob es ihr jetzt besser geht, weiss ich nicht.

Was hätte man hier anders machen können...?