Eva arbeitete schon seit zwei Jahren in meiner Praxis. Sie war nicht überragend gut, sie war aber auch nicht extrem schlecht und somit eine durchschnittliche Dentalassistentin mit einem durchschnittlichen Lohn, welche durchschnittliche Arbeit leistete.

Seit Eva jedoch in meiner Praxis arbeitete, passierten immer wieder komische Dinge. Es verschwanden massenhaft gemeindeeigene Abfallmarken, nur Eva wohnte in der gleichen Gemeinde. In der Kochnische war immer alles mit Tomatensauce verspritzt und die einzige, die Pomodoro-Spaghetti gegessen hat war Eva. Es fehlten regelmässig EMS-Ansätze, wenn Eva Steridienst hatte. Manchmal fanden wir diese im Abfall wieder, manchmal auch nicht. Wir haben Patienten angerufen die vermeintlich einen Termin geschwänzt haben und erfuhren, dass der Patient den Termin schon vor Tagen annulliert und verschoben hatte. Eva war an jenem Tag am Telefon und der obligatorische Eintrag in der KG fehlte natürlich auch.

Immer wieder wenn so etwas Rätselhaftes passiert war, bestellte ich Eva zu mir ins Büro und habe sie darauf angesprochen. Eva zeigte sich jeweils entrüstet, brach in Tränen aus und beschwerte sich über die Unterstellungen. Beweisen konnte ich ihr nie etwas, doch mein Groll wuchs. Mehrfach habe ich ihr im Klartext gesagt, dass ich es eines Tages werde beweisen können. So verging die Zeit...!

Eines Tages habe ich eine interessante Spontanbewerbung erhalten, schaute mir die junge Dame namens Julia an und lernte eine junge Frau kennen, die mit strahlenden Augen von ihrem Beruf sprach und hervorragende Zeugnisse und Referenzen hatte. Ich hatte keine Lust mehr, mich täglich über Nachlässigkeiten zu ärgern. Ich hatte keine Lust mehr immer wieder mit Eva zu reden und habe sie mit der Begründung entlassen, dass ich „keine Lust mehr“ habe.

Mein ganzes Team war geschockt. Was war nur in den Chef gefahren, dass er einfach jemanden mit der Begründung „keine Lust“ entlassen hat? Tagelang war es merklich still im Team. Es wurde weniger gelacht und hatte ich mit einer meiner Mitarbeiterinnen Kontakt, so wich sie meinem Blick aus und senkte die Augen. Das herzliche Klima war wie weggefegt und ich spürte, was es mit der berühmten Einsamkeit des Chefs auf sich hatte. Jeden Tag schaute ich in den Spiegel und habe mich gefragt, ob mein Entscheid richtig war. Doch es war klar, rückgängig machen kann man so etwas nicht, ohne jede Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Meine Mitarbeiterinnen haben sich langsam beruhigt, Eva fand eine andere Stelle und ich habe ihr ein durchschnittliches Arbeitszeugnis ausgestellt, so wie es sich für eine durchschnittliche Mitarbeiterin gehört. Von den rätselhaften Zwischenfällen habe ich nichts geschrieben, da sie ja nicht zu beweisen waren.

Vom Tag an, als Eva weg war, gab es keine rätselhaften Ereignisse mehr. Julia, die neue Mitarbeiterin hat sich prächtig integriert, ist ein Sonnenschein und auch heute – 15 Jahre später – immer noch bei mir.